Geschichte der Freimaurerei in Aschaffenburg
Eine kulturwissenschaftliche Lokalgeschichte von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart
- Zeitraum
- 2024–
- Unterstützer
Zum Projekt
Das Projekt rekonstruiert die Geschichte der Freimaurerei in Aschaffenburg von ihren Anfängen im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Über mehr als zwei Jahrhunderte hinweg hat es in der Stadt freimaurerische Aktivität gegeben — mit langen Brüchen, gescheiterten Wiederbelebungsversuchen und sehr unterschiedlichen institutionellen Formen: regulär konstituierte Logen, Kränzchen und Bruderzirkel ebenso wie die heutige Loge „Post Nubila Phoebus”. Das Vorhaben fragt, wie sich in einer kleinen Residenz- und später Provinzstadt am Main die jeweils großen Linien der Zeit — kurmainzische Verfolgung, Spätaufklärung, napoleonische Neuordnung, bayerisch-katholische Reaktion, Kaiserreich, NS-Verbot, Nachkriegsneubeginn — in einer konkreten Geselligkeitsform verdichtet haben. Einen besonderen Fokus nimmt die Zeit um 1810/12 ein, in der zwei Logen parallel bestanden: die deutschsprachige „Friedrich Carl Joseph zum goldenen Rade” und die französischsprachige „Charles et Eugène Napoléon à l’Union constante” unter dem Grand Orient de France — eine Konstellation, die im Großherzogtum Frankfurt unter Carl Theodor von Dalberg ihresgleichen sucht. Bislang sind die Aschaffenburger Logen in der Lokalliteratur nur erwähnt, aber nicht in ihrer institutionellen Eigenständigkeit, ihrer sozialen Zusammensetzung und ihrem überregionalen Beziehungsgeflecht untersucht.
Zeitlicher Bogen
Der Untersuchungszeitraum gliedert sich grob in vier Phasen:
- Frühe Spuren (1745–1792) — der kurmainzische Verfolgungserlass von 1745 belegt eine erste Aschaffenburger Loge; nach 1786 wirkt die Mainzer Loge „Zum Goldenen Rad” in den Raum hinein.
- Die Dalberg-Zeit (1804/06–1812) — die zwei parallelen Logen, ihr Hochgradkapitel, ihre Konflikte und die Auflösung durch Dalberg im April 1812 nach dem Code Napoléon.
- Wiederbelebungsversuche im langen 19. und 20. Jahrhundert — das Kränzchen „Zum wiedererbauten Tempel am Main” (1875–80) unter der Großloge „Zur Eintracht” Darmstadt, der Bruderzirkel und das Kränzchen „Zum goldenen Rad Johannisburg” (1921–27) sowie die Aschaffenburger B’nai-B’rith-Loge.
- Nachkriegszeit bis heute — die “Spessart Lodge” der amerikanisch-kanadischen Großeloge sowie die 1967 gegründete und bis heute arbeitende Loge „Post Nubila Phoebus”.
Quellenlage
Das Projekt stützt sich auf eine ungewöhnlich dichte Überlieferung aus mehreren Archiven. Für die Dalberg-Zeit liegt mit dem Pariser Konvolut zu „Charles et Eugène Napoléon à l’Union constante” ein Bestand vor, der nach gegenwärtigem Forschungsstand erstmals in einem deutschsprachigen historischen Zusammenhang ausgewertet wird; für das 19. und frühe 20. Jahrhundert sind die Aschaffenburger Akten zu den Kränzchen und Zirkeln bislang ebenfalls nicht systematisch erschlossen worden.
- Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg, Bestand VVK 01 (Akten zu beiden Logen der Dalberg-Zeit, zum Kränzchen „Zum wiedererbauten Tempel am Main” sowie zum Bruderzirkel „Zum goldenen Rad Johannisburg”)
- Bibliothèque nationale de France, Reihe FM² 534 (Loge- und Kapitelakten der napoleonischen Loge, Grand Orient de France)
- Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, FM 5.2. A 31
- Logenarchiv Bayreuth (Mitgliederliste „Friedrich Carl Joseph zum goldenen Rade” 1810)
- Aschaffenburger Departements-Blatt 1812 (Auflösungsverfügung Dalbergs)
- Erlass der kurmainzischen Kanzlei von 1745
- Bestände zur Loge „Post Nubila Phoebus” und zur Aschaffenburger B’nai-B’rith-Loge
Methodischer Zugang
Die Arbeit versteht sich als kulturwissenschaftliche Lokalgeschichte. Die Logen werden nicht primär als organisationsgeschichtliche Einheiten betrachtet, sondern als Orte, an denen sich Aufklärungstradition, Symbolik, Ritualpraxis und bürgerliche Selbstverständigung verdichten — Orte, deren Form und gesellschaftliche Stellung sich über die Jahrzehnte erheblich verändern. Methodisch verbindet das Projekt eine prosopographische Auswertung der Mitgliederlisten — Berufe, Konfessionen, Herkunftsorte, Mehrfachmitgliedschaften — mit einer textnahen Lektüre der Selbstzeugnisse: Inaugurationsreden, Statuten, interne Korrespondenz. Bezugspunkte sind die Arbeiten von Stefan-Ludwig Hoffmann zur Politik der Geselligkeit, Winfried Dotzauer zu den rheinischen Freimaurergesellschaften und Marcus Meyer zu „Bruder und Bürger” sowie das Konzept des lieu de mémoire Pierre Noras, das den Blick auf die Materialität und symbolische Aufladung freimaurerischer Praxis schärft.
Förderung und Publikation
Das Projekt wird in enger Abstimmung mit dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg sowie dem Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg vorangetrieben. Vorgesehen ist eine Monographie zur Geschichte der Aschaffenburger Freimaurerei, flankiert von Aufsätzen zu einzelnen Phasen — etwa zur napoleonischen Loge und ihren Pariser Akten — und Vorträgen in lokalen und freimaurerischen Forschungszusammenhängen. Über die freimaurerische Forschungsgesellschaft Quatuor Coronati besteht ein fachlicher Austausch.
Aktueller Stand
Schwerpunkt der bisherigen Arbeit war die Dalberg-Zeit: Die Aschaffenburger und die Pariser Bestände sind weitgehend gesichtet, die Mitgliederlisten von 1810 und 1812 transkribiert und prosopographisch in Erschließung; die französischsprachigen Akten zu Loge und Kapitel — einschließlich der programmatischen Rede des Vénérable Aloys Wagner von 1811 — sind transkribiert und übersetzt. Für das 19. Jahrhundert ist das Material zum Kränzchen „Zum wiedererbauten Tempel am Main” gesichtet; für die Zwischenkriegszeit wird derzeit der Bruderzirkel „Zum goldenen Rad Johannisburg” aufgearbeitet. Aus dem Projekt ist außerdem eine eigene Forschungslinie zur Aschaffenburger B’nai-B’rith-Loge hervorgegangen. Offene Arbeitslinien sind die systematische Verbindung der einzelnen Phasen, die Berufs- und Herkunftsstruktur über die Zeit hinweg sowie die Einordnung der Brüche — 1812, 1880, 1927, 1933 — in ihre jeweiligen politischen Kontexte.