Die Philo-Loge des B'nai-B'rith in Aschaffenburg
Eine historische Untersuchung und Aufarbeitung
- Zeitraum
- 2025 — laufend
- Unterstützer
- Bezirk Unterfranken, Stadt Aschaffenburg (Stadtarchiv)
- Verlag
- Stadtarchiv Aschaffenburg
Zum Projekt
Am 11. Januar 1925 gründete sich in Aschaffenburg die Philo-Loge des unabhängigen Ordens B’nai B’rith, einer spezifisch jüdisch-kulturellen Vereinigung vergleichbar mit den Freimaurern. Ihre Mitglieder verschreiben sich der ideellen Arbeit an sich selbst und der Gesellschaft im Sinne ihrer drei Werte Toleranz, Humanität und Wohlfahrt. Die Mitglieder der Aschaffenburger Loge – Kaufleute, Bankiers, Ärzte, Staatsbedienstete – gehörten zum bürgerlichen Rückgrat der Stadt. Im September 1925 weihte die Loge ein eigenes Haus in der Lamprechtstraße ein. Knapp zehn Jahre später, 1935, wurde sie durch die Gestapo aufgelöst; das Logenhaus wurde 1935 als „Andreas-Bauriedl-Haus” zum Sitz der NSDAP-Kreisleitung umgewidmet.
Das Projekt unternimmt die erste eigenständige und systematische Untersuchung dieser Loge. Es rekonstruiert ihre Gründung, ihre Arbeit und das Verhältnis ihrer Mitglieder zur städtischen Gesellschaft, zeichnet die Lebenswege ihrer Mitglieder nach und arbeitet die Verfolgungs- und Auflösungsgeschichte auf. Ziel ist es, die Philo-Loge als Teil der jüdischen Kulturgeschichte Aschaffenburgs sichtbar zu machen und zugleich zu zeigen, was mit ihr verloren ging.
Quellen und Literatur
Die Untersuchung stützt sich auf eine breite Quellenbasis, die im Verlauf der Recherche erschlossen wurde:
- Bestände des Stadt- und Stiftsarchivs Aschaffenburg
- Gestapo-Akten einiger Logenmitglieder aus dem Staatsarchiv Würzburg zur Auflösung der Loge
- Großlogenmitteilungen des U.O.B.B. der Jahre 1921–1936, einschließlich Mitgliederlisten und Logenberichten
- Die Datenbank „Jüdisches Unterfranken” des Johanna-Stahl-Zentrums Würzburg
- Sekundärliteratur zum jüdischen Leben und zur Verfolgung in Aschaffenburg, insbesondere die Arbeiten von Carsten Pollnick, Dr. Peter Körner, Ophir/Wiesemann sowie aktuelle, bislang unveröffentlichte Forschungen aus dem Stadtarchiv
- Arolsen Archives
- Zeitgenössische Presse und einschlägige Aktenbestände zur Beschlagnahme jüdischen Eigentums
Methodischer Zugang
Der Zugang ist lokalhistorisch und biographisch grundiert, mit kulturwissenschaftlichem Blick auf die Loge als bürgerlich-jüdischen Verdichtungsort vor 1933. Im Zentrum stehen drei Fragerichtungen: Wer waren die Mitglieder, und welche Rolle spielten sie im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben Aschaffenburgs? Wie verstand sich die Loge selbst – als jüdische Vereinigung, als ethisches Projekt? Welche spezielle Form nahm die nationalsozialistische Verfolgung und Gewalt bis hin zur Auflösung der Loge und der Vertreibung oder Vernichtung eines Großteils ihrer Mitglieder an?
Die biografische Rekonstruktion verbindet sich mit einer breiteren Reflexion über die soziale Funktion solcher Vereinigungen: über Selbstprüfung, Brüderlichkeit und Toleranz als gesellschaftliche Praxis. Hierbei finden sich Anklänge an Marcus Meyers Studie Bruder und Bürger über die Freimaurerei in Bremen.
Förderung und Kooperationspartner
Das Projekt wird vom Bezirk Unterfranken gefördert (Bezirksheimatpfleger Dr. Riccardo Altieri). Die Publikation der Monographie ist mit dem Stadtarchiv Aschaffenburg vereinbart.
Weitere Kooperationspartner sind:
- B’nai B’rith Frankfurt
- Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg – Vortrag und Aufsatz im Jahrbuch
- Martinusforum Aschaffenburg – Kooperationspartnerin des Vortrags
Eine Aufnahme des Projekts in das Portal Alemannia Judaica ist vorgesehen.
Vorträge und Publikationen
- 13. Oktober 2026, Aschaffenburg: Vortrag im Geschichts- und Kunstverein zur Geschichte der Philo-Loge und zum Orden B’nai B’rith
- 26. Januar 2027, Martinushaus Aschaffenburg: Vortrag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, mit Schwerpunkt auf den Schicksalen der Logenmitglieder
- Jahrbuch des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg, Band 37: Fachaufsatz, Abgabe Anfang 2027
- Monographie in der Schriftenreihe des Stadtarchivs Aschaffenburg, geplant für 2027
Aktueller Stand
Die Erschließung der Quellen ist weit fortgeschritten: Großlogenmitteilungen und einschlägige Sekundärliteratur sind ausgewertet, die Gestapo-Akten gesichtet, die biografische Recherche zu den Mitgliedern läuft. Die Manuskriptarbeit am Fachaufsatz beginnt im Sommer 2026, an der Monographie im Anschluss.