Biographische Studie In Bearbeitung

Alfred Priester (1878–1969)

Eine biographische Annäherung zwischen Kolonialverwaltung, Freimaurerei und Entnazifizierung

Fortschritt 20%
Zeitraum
2026
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Alfred Priester (1878–1969) gehört zu jenen Biographien, in denen sich Brüche und Kontinuitäten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts in einer einzigen Person verdichten: Bezirksamtmann und Leutnant der kaiserlichen Schutztruppe in Kamerun, geheimer Regierungsrat in der Weimarer Verwaltung, ab 1946 Präsident der Berufungskammer Würzburg im Bayerischen Staatsministerium für besondere Aufgaben und damit Funktionär der bayerischen Entnazifizierung, schließlich Gründungsmitglied der wiedergegründeten Aschaffenburger Freimaurerloge Post Nubila Phoebus. Das Projekt zeichnet diese Stationen quellengestützt nach und fragt, wie sich in einem solchen Lebensweg die wechselnden politischen Systeme spiegeln — und an welchen Stellen Priester sich, etwa in seiner Spätschrift Kamerun als Deutsches Schutzgebiet (1960), von den dominanten Sprechweisen seiner Zeit erkennbar absetzt.

Quellenlage

Die Überlieferung ist über mehrere Bestände in Deutschland und Spanien verteilt; ein Teil der privaten Unterlagen ging 1944 bei einem Bombenangriff auf das Münchner Wohnhaus verloren.

  • Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg: Vorarbeiten und Sammlung Helmut Stadelmann (Großneffe Elisabeth Priester-Stadelmanns); Belegexemplar Kamerun als Deutsches Schutzgebiet (1960)
  • Archiv der Loge Zu den Drey Balken in Münster: Stammbucheintrag zur Aufnahme (1921), Beförderung (1923) und Erhebung (1924) Priesters; ergänzende Verzeichnisse der späteren Wohn- und Logenstationen Breslau, Dortmund, Kiel, Magdeburg
  • Archiv der Loge Post Nubila Phoebus Aschaffenburg: Annahme 1950, Mitgliedschaftsunterlagen, Korrespondenz
  • Bundesarchiv Berlin, R 1001 (Reichskolonialamt) und R 1002 (Kaiserliches Gouvernement Kamerun): Personal- und Sachakten 1909–1916, insbesondere zu den Bezirken Edea, Duala und Yaunde
  • Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg: Offizierspersonalakte der Schutztruppe
  • Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, Berlin: konsularische Akten zur Internierung deutscher Schutztruppenangehöriger in Spanisch-Guinea und ihrer Rückführung
  • Archivo General de la Administración (AGA), Alcalá de Henares, Sektion África: Internierungslisten 1916
  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv München: Personalakten zur Tätigkeit als Präsident der Berufungskammer Würzburg und zur Nachkriegslaufbahn im bayerischen Finanzwesen

Methodischer Zugang

Die Studie folgt einem kulturwissenschaftlich erweiterten biographischen Ansatz. Sie versteht Priester nicht als Repräsentanten einer Epoche, sondern als Knotenpunkt mehrerer Diskursfelder — Kolonialverwaltung, Freimaurerei als bürgerliche Sozialform, juristische Aufarbeitung nach 1945 — und fragt, wie sich diese Felder in seinem Schreiben, Handeln und Leben überlagern.

Für die koloniale Phase ist der Zugriff dezidiert postkolonial informiert. Priesters spätes Buch zeigt sprachliche und perspektivische Distanzierungen, die in der Memoirenliteratur ehemaliger Kolonialbeamter ungewöhnlich sind. Die Studie will diesen Befund ernst nehmen, ohne ihn pauschal zur Entlastung umzudeuten. Ein Anknüpfungspunkt für diesen Umstand ist aber das (z.B. von Nikita Dhawan auf Kants Rassismus angewendete) Argument, dass das Verweisen auf den „Zeitgeist” als Entschuldigung dort an Grenzen stößt, wo zeitgenössisch bereits andere Sprech- und Denkmöglichkeiten verfügbar waren. Zu prüfen ist, inwieweit Priesters ungewöhnlich reflektierte Behandlung des Themas mit seiner freimaurerischen Sozialisation ab 1921 zusammenhängen könnte — und inwieweit hier eher eine individuelle Disposition wirksam wird.

Förderung und Publikation

Die Ergebnisse sind in Form von Fachaufsätzen für das Jahrbuch des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg sowie einem Beitrag in den Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg vorgesehen. Ein öffentlicher Vortrag ist im Rahmen des siebzigjährigen Jubiläums der Loge Post Nubila Phoebus geplant.

Eine institutionelle Förderung besteht derzeit nicht.

Aktueller Stand

Aktueller Anknüpfungspunkt des Projekts ist das auslaufende Grabnutzungsrecht für Alfred Priester auf dem Aschaffenburger Altstadtfriedhof, um das sich die Loge Post Nubila Phoebus weiter kümmert. Aufgearbeitet sind bislang die masonischen Stationen anhand der Verzeichnisse der Loge in Münster und der Aschaffenburger Mitgliedschaftsunterlagen sowie die Eckdaten zu Familie Stadelmann-Priester. Ausstehend sind die Archivrecherchen in Berlin, Freiburg, München und Alcalá de Henares sowie die systematische Auswertung der Sammlung Helmut Stadelmann im Aschaffenburger Stadtarchiv. Die Spätschrift von 1960 muss noch aus o.g. Sicht untersucht werden.